Die Einrichtung
Die Therapeutische Gemeinschaft Wilschenbruch wurde 1993 gegründet und ist eine der wenigen spezialisierten Einrichtungen in Deutschland, in denen drogenkranke Eltern gemeinsam mit ihren Kindern an Therapien teilnehmen können. Für die Kinder, die ihre vor- und nachgeburtliche Sozialisation im Kontext der elterlichen Drogenabhängigkeit erlebt haben, wurden eigene Therapiekonzepte entwickelt, die in den Therapien Anwendung finden.
In der Therapeutischen Gemeinschaft Wilschenbruch können 21 erwachsene Eltern und ledige Klienten, 34 Kinder und Jugendliche sowie 10 Kinder und Jugendliche in der ambulanten Nachsorge an der Therapie teilnehmen.
Hier finden Sie grundlegende Informationen über die Therapie von drogenkranke Eltern und ihren Kindern in der Therapeutischen Gemeinschaft Wilschenbruch:
Der Einzugsbereich
In Kooperation mit Jugendämtern und den Fachstellen Sucht nehmen wir Kinder und Familien aus der gesamten Bundesrepublik auf.
Seit 1993 haben wir
- Ca 700 stationäre Therapien für Eltern geleitet
- Mit etwa 300 Kindern Therapieprozesse gestaltet.
- Etwa 25 Mütter haben ihre Kinder während der Therapie in Wilschenbruch geboren.
Zu den Therapien
Vorgespräche
Vor der Aufnahme wird mit jedem Familiensystem ein Vorgespräch geführt, in dem die aktuelle Lebenssituation der Eltern und der Kinder in einer ersten Anamnese erhoben wird.
Körperliche Entzüge von Eltern
Wir vermitteln Entzugsplätze für Mütter und versorgen in dieser Zeit bereits ihre Kinder.
Schwangere Mütter
Wir nehmen schwangere Mütter nach Möglichkeit sofort auf. Wir haben in der Region Lüneburg ein System der gynäkologischen, neonatologischen und pädiatrischen Versorgung konzipiert, so dass ein hoher Versorgungsstandard erreicht ist.
Pränatale Diagnostik
Wir haben die „Schwangerschaftsanamnese“ entwickelt. In jeder Therapie werden die Schwangerschaftsverläufe erhoben, so dass die toxikologischen/pharmakologischen Einflussgrößen (Drogen, Medikamente, Alkohol, Nikotin usw.) und die psychosozialen Einflüsse auf das ungeborene Leben in jeder Schwangerschaftswoche nachweisbar werden.
Familiengeschichtliche Diagnostik
In jedem Therapieprozess wird die Familiengeschichte als Teil des drogenabhängigen Lebensentwurfes erhoben.
Kindeswohl in suchtkranken Familiensystemen
In jeder Therapie wird die familienrechtliche Situation geklärt, Fragen des Elternrechts, des Kindeswohls werden nach den familienrechtlichen Standards „State of the Art“ geklärt. Wir positionieren uns in jedem Fall im Sinne des Kindeswohls.
Therapie der Kinder
Zu den Standards gehört eine etwa 2-jährige medizinische Therapie der Kinder mit interdisziplinärer und interfakultativer Ausrichtung, so dass die Kinder gefördert eine altersgemäße Entwicklung erreichen. In der Therapeutischen Gemeinschaft Wilschenbruch arbeiten Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, Psychologische Psychotherapeuten, Heilpädagogen, Erzieher, Sozialpädagogen, Ärzte und Psychologen.
Therapieziele Kinder
Ziel der Jugendhilfemaßnahme ist es, den Kindern und Jugendlichen einen Ausgleich für die Beeinträchtigungen zu bieten, die sie aufgrund ihrer vor- und nachgeburtlichen Entwicklung in einem suchtkranken Elternhaus erlebt haben. Es handelt sich um Maßnahmen nach den §§ 27 (Hilfen zur Erziehung), 34 und 35 a (Eingliederungshilfe) SGB VIII.
Therapie der Eltern
Zu den Standards der Therapie der Erwachsenen gehört eine etwa 2-jährige medizinische Rehabilitation zur Stabilisierung der elterlichen Störung. Dazu gehört auch eine Familientherapie mit den Herkunftsfamilien sowie der Beginn und Abschluss einer Berufsausbildung.
Therapieziele Eltern
Ziel der elterlichen Maßnahme ist die Bewältigung der Störungsbilder „Abhängigkeitserkrankungen“ nach ICD-10 F10 ff. und die Wiederherstellung elterlicher Kompetenzen. Es geht um „medizinische Rehabilitationsprozesse“ nach dem SGB VI.
- Wiederherstellung und Stabilisierung der Erwerbsfähigkeit
- Vorbereitung auf soziale und berufliche Teilhabe
- Wiederherstellung, Stabilisierung und Förderung der körperlichen und seelischen Gesundheit und Belastbarkeit
- Stärkung und Stabilisierung der Abstinenzfähigkeit
Kooperationen
Interfakultative und interdisziplinäre Kooperation
Im Laufe der Jahre wurde von uns eine komplexe fachliche Infrastruktur in der Region Lüneburg und Niedersachsen entwickelt, die nun Teil des Angebotes der Therapeutischen Gemeinschaft Wilschenbruch ist. Kinderneurologen, Pädiater verschiedener Fachrichtungen, Gynäkologen und Geburtsmediziner, Neonatologen, Kinder und Jugendlichenpsychotherapeuten, Sprachtherapeuten, Ergotherapeuten, Einrichtungen der Frühförderung, Fachanwälte für Familien- und Strafrecht, verschiedene Familiengerichte und alle Schulformen arbeiten so zusammen, dass eine notwendige Versorgung der zum Teil schwerst gestörten Kinder in jedem Fall sichergestellt ist.
Kooperation mit der Öffentlichen Jugendhilfe
Wir arbeiten mit rund 35 Jugendämtern in der gesamten Bundesrepublik zusammen. Die Kooperation ist konstruktiv und findet auf einem hohen fachlichen Niveau statt.
Kooperation mit der Suchtkrankenhilfe
Wir arbeiten mit den Fachstellen Sucht in den Bundesländern zusammen, darüber hinaus mit verschiedensten Kosten– und Leistungsträgern in Deutschland. Im Dezember 2008 wurden wir durch unseren Hauptkostenträger, die Deutsche Rentenversicherung Braunschweig-Hannover, visitiert. Wir entsprechen somit den Standards einer Fachklinik für Abhängigkeitserkrankungen.
Wesentliche Erkenntnisse unserer Arbeit
Vernetztes Helfersystem
In der Zeit seit 1993 ist es uns gelungen, in der Region Niedersachsen ein komplexes vernetztes Helfersystem zu entwickeln. Die Region Lüneburg und die Region Niedersachsen haben sich zu einem Kompetenzzentrum für die Arbeit mit drogenkranken Familiensystemen entwickelt. Aus unseren Erfahrungen sind universell nutzbare Konzepte für die Therapie von komplex gestörten drogenkranken Eltern und ihren Kindern entwickelt worden Unsere Erfahrungen sind auch auf andere Regionen übertragbar. Die strukturellen Merkmale für das komplex vernetzte Helfersystem können auch dort genutzt werden.
Wichtige Fragen, um deren Klärung wir uns bemühen:
Seit der Eröffnung der Therapeutischen Gemeinschaft Wilschenbruch haben wir wissenschaftlich und fachlich wenig beschriebene oder nicht erkannte hochkomplexe Probleme erkennen müssen. Diese Probleme und Konstellationen bedürfen unserer Einschätzung nach einer dringenden Klärung.
Störungsbilder nicht definiert
Bisher sind die Störungsbilder einer Drogen-Fetal-Embryopathie und die Störungsbilder einer Medikamenten-Fetal-Embryopathie nicht in internationalen Krankheitsklassifikationen definiert. Sie sind daher auch nicht sicher diagnostizierbar und therapierbar. Lediglich die Alkohol-Fetal-Embryopathie ist als Störungsbild beschrieben.
Komplexe Störungsbilder bei Kindern
Wir haben in unserer Forschung komplexe Störungsbilder von Kindern erkennen müssen. Uns ist deutlich geworden, dass das Ausmaß der Störungen von Kindern aus drogenkranken Familien auch in der Fachöffentlichkeit und Wissenschaft letztlich nicht ausreichend verstanden ist.
Inkompabilitäten der Sozialgesetzbücher
Es sind Inkompabilitäten zwischen den verschiedenen Teilen der Sozialgesetzbücher erkennbar geworden, welche die Arbeit mit drogenkranken Familiensystemen ungemein erschweren und in manchen Fällen unmöglich machen! Dies ist ein wenig erkanntes Risiko und eine relevante Einflussgröße bei Krisenentwicklungen!
Ungeborenes Leben
Das ungeborene Leben ist im bestehenden Rechtssystem nicht geschützt.
Suchtbelastete Schwangerschaftsverläufe
Es bedarf dringend einer Forschung zu den Rückkoppelungseffekten zwischen suchtbelasteten Schwangerschaftsverläufen und den nachgeburtlichen, auch mittel- und langfristigen Lebensentwicklungen von Kindern aus drogenkranken Familiensystemen.
Medizin- und pharmazierechtliche Fragen
Wesentliche medizinrechtliche und pharmazierechtliche Fragestellungen sind nicht ausreichend und rechtssicher geklärt, unter anderem zu polytoxikomanen Substanzgebrauch in Schwangerschaft und Stillzeit.
Pharmakologische Wirkung
Offen sind
- Fragen zur pharmakologischen Wirkung von Drogen, Medikamenten, Alkohol und Nikotin in der Schwangerschaft
- Fragen zur Wirkung eines polytoxikomanen Drogenkonsums in der Schwangerschaft
- Fragen zu den nachgeburtlichen Folgen von suchtbelasteten Schwangerschaftsverläufen.
Die TG Wilschenbruch und die Jugendhilfe Lüneburg ist Mitglied der